„Chancen und Risiken“ my ass.

Ich bin ja inzwischen fast erheitert, wenn ich in der Diskussion um „Digital Humanities“ von „Chancen und Risiken“ / „Grenzen und Möglichkeiten“  lese – aus meiner Sicht ist das inzwischen fast das eindeutigste Indiz, dass der Text eine Hidden Agenda hat und eigentlich die Zeit nicht wert ist, ihn zu lesen (EDIT: Man muss sich wohl mal die Frage stellen, für wen oder was eigentlich „Chancen“ und „Risiken“ bestehen – diese Frage drängt sich mir beim nochmal nachdenken auf). Ich nutze die Zeit lieber für einen Rant und will man über drei Toptreffer im Bullshit-Bingo der DH-Diskussion schimpfen. 

Fehlschlüsse digitaler Methodik als Indiz für „Risiken“

Das ist ja der Musterfall: Irgendwer untersucht digital gestützt irgendwas und – ha! – findet etwas, was mit einer klassischen Hermeneutik nicht sichtbar gewesen wäre, weil… die digitale Methode ein Ergebnis suggeriert, das gar keines ist, weil irgendwo ein Fehler liegt. Beweis für die „Grenzen“ einer Methode? Eher so nicht. Blickt man auf die Fälle, erkennt man in aller Regel: Entweder ist die Stichprobe fahrlässig schlecht aufgebaut, oder die Forschenden schließen handwerklich falsch. Über was genau wird hier also sinniert? „Menschliches Versagen“ heißt sowas bei Unfallhergängen, schlechte Wissenschaft oder Inkompetenz, wenn man es prägnanter sagen will.

Jetzt, wo wir „Schuldige“ gefunden haben, könnte man ja aufhören. Muss man aber nicht. Eine der Kernideen der Wissenschaftlichkeit ist ja doch die der Falsifizierbarkeit. Es ist also eigentlich sogar gut und nützlich, wenn jemand ein „Experiment“ macht und jemand anderes dies widerlegt und beschreiben kann warum.

Nur – das ist auch eine Frage der Bildung, denn wer nichts über Erkenntnistheorie und damit die Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit weiß, der wird eher zufällig mal das Richtige und mal das Falsche tun. Und damit ist schon der zweite „Einwand“ im Raum:

Das muss systematisch gelehrt werden!

Ok, man darf sich das ja wünschen, aber irgendwann ist man dann wieder bei einem 20-Semester-Curriculum. Man kann nicht alles an der Hochschule als Pflichtmodul lehren, was man sich wünscht, ohne etwas wegzulassen. Und deswegen wünscht sich jede Epoche in der Geschichtswissenschaft ein Modul hiervon, eines davon, dann noch dies und dann noch das. Der winzige Rest an Luft muss dann noch die historischen Hilfswissenschaften versorgen und ganz am Ende kommen die AFK (ausnahmsweise nicht away from keyboard, sondern außerfachliche Kompetenzen). Und sieh‘ mal einer an, was könnte die Historikerin von heute hier denn lernen? Wissenschaftstheorie. Erkenntnistheorie. Statistik. Texttheorie. Computerlinguistik. Programmieren. Da ist ja alles, was die Podiumsdiskutanten unserer Zeit immer fordern! In universitärer Güte gelehrt von Expertinnen der jeweiligen Fächer. Ok, aber wenn man Popper und Python will, dann macht man schon ein Modul mehr, als man muss. Die Wunschliste der Studiengänge von heute ist eben nur mit Mühe und Not überhaupt studierbar, weil keine Teildisziplin Abstriche in den Prüfungsleistungen und -anforderungen machen will. Und am Ende kann zwar jeder Hausarbeiten über diesen und jenen Alexander und Heinrich und Friedrich vorweisen, aber hat keinen Schimmer, was eine Hypothese ist, wofür man sie braucht. Oder wie man sie valide und belastbar belegen oder widerlegen kann. Kompentenzenaufbau jenseits von den Ottos und Roosevelts braucht Verzicht der Fachwissenschaft und damit dem Mut zu einer schlanken, methodenstarken Ausbildung.

Wir fangen gerade erst damit an.

Und noch viel perfider als die Forderung nach irgendwelchen  neuen Lehrinhalten, die sowieso in kein Curriculum mehr passen, ist die Feststellung, dass ein Argument berechtigt ist und deswegen ja auch begonnen wurde, etwas zu tun, aber dass jetzt erstmal die Absolventinnen von XY kommen müssen, und dann geht’s erst los… nicht! Die Strategie hier ist eindeutig: Wir machen aus dem Problem von heute eines von morgen. Runde zehn Jahre mit den modularisierten Studiengängen sollten doch längst gelehrt haben, dass kein Mensch auf die Absolventen irgendwelcher „European Historical Anthropology and Node.JS“-Studiengänge warten wird. Wer „gerade mit etwas“ anfängt, der sollte tunlichst die Pflanzen in seinem Garten hegen, und dazu braucht man Wissenschaftlichkeit in Reinkultur: Neugierde, kritisches Prüfen, Irren, Lernen, widerlegen und widerlegt werden, testen, verwerfen, Exploration, Evaluation.

Irgendwie kann man es dann schon verstehen, wenn die Naturwissenschaften schauen gerne mit einem Schulterzucken zu ihren Nachbarn aus den Humanities, wie sie damit kokettieren, in Mathematik immer schlecht gewesen zu sein und so weiter. Wie allein die Chance einer explorativen quantitativen Analyse vorbeizieht. Wie am Ende dann doch wieder jemand wie der olle Ranke dasteht und erzählt, wie es wirklich gewesen.

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