Gastspiel #histocamp 2016

Ich habe ja mal wieder ein Gastspiel in meinem alten Metier gegeben und war auf dem Histocamp – und das ist definitiv ein Erlednis. Damit meine ich nicht hauptsächlich, dass sich das bereits im zweiten Jahr als das Klassentreffen einer neuen Art von Geschichtsprofis und -interessierten. Ich meine vielmehr den Geist, miteinander zu netzwerken und über Gemeinsamkeiten und gemeinsame Interessen zusammenzufinden, statt sich gegenseitig mit dem antrainierten Habitus die sorgfältig abgesteckten Claims der wissenschaftlichen Einzigartigkeit vorzuführen. „Gastspiel #histocamp 2016“ weiterlesen

Samstags-Geisteswissenschaftler-Blues

Der Samstag ist wie gemacht, meine Stimmung in Bezug auf die Geisteswissenschaften und die Wissenschaft im Allgemeinen ordentlich zu trüben (deswegen zum Beispiel). Nicht, dass es mich wirklich hart betrifft. Aber ich halte Wissenschaft an sich für etwas gesellschaftlich enorm wertvolles,  wissenschaftliche Arbeitserfahrung bringt starke und vielseitig qualifizierte Persönlichkeiten hervor. Und ganz nebenbei kenne ich viele wunderbare Menschen in der Wissenschaft – es schmerzt mich ernsthaft angesichts deren Träume und Lebensentwürfe, die auf die Wissenschaft als Beruf bauen.

Statistics, anyone?

Was mich schon länger umtreibt, ist die Frage, wie die Beschäftigungssituation von wissenschaftlich qualifizierten Geisteswissenschaftlern überhaupt aussieht. Ich kenne nun eine Menge von Historikerinnen und Historikern, plus Nachbarwissenschaften und je tiefer ich nachschaue und -frage, desto weniger finde ich Menschen, die in einem normalen, idealerweise unbefristeten Arbeitsverhältnis mit einer Institution stehen, deren primärer Zwecke Wissenschaft, Forschung oder akademische Ausbildung ist. Was ich sehe, sind vorwiegend solche Formen von Beschäftigung:

  • Stipendium als „Vergütung“ einer Qualifikationsstelle, im schlimmsten Fall sogar mit einer impliziten Verpflichtung, an grundständigen Aufgaben der Einrichtung mitzuwirken.
  • Lehraufträge mit ebensolchem Zweck
  • Verkettung von Sachgrundbefristung, gerne und oft verbunden mit – siehe oben – impliziten Verplfichtung, grundständige und nominell grundfinanzierte Aufgaben der Einrichtung wahrzunehmen.
  • Halbe Stellen für volle Arbeit (der ewige Doktorandenschmerz), gerne und oft verbunden mit … siehe oben.
  • Lehrkraft für besondere Aufgaben („Hochdeputatsstelle“), gerne und … ihr wisst schon.
  • Projektbeschäftigung mit … you know what.
  • und dann gibt es ja auch noch die Phänomene SHK, WHK und Werkverträge.

Kurzum: Ich befürchte zu wissen, dass die allermeisten, die eine Laufbahn an akademischen Einrichtungen eingeschlagen haben, mit dem Traum und der Hoffnung arbeiten, ein Leben in der Wissenschaft verbringen. Faktisch verbringen sie zwar ihr Leben in und für die Wissenschaft, aber eben nicht so, wie man sich ein Arbeitsverhältnis, vorstellt, und das finde ich katastrophal.

Der Punkt ist grundlegend: Wer seinen Beruf nicht sozialversicherungspflichtig ausübt, fällt bei Arbeitslosigkeit in der Regel direkt in die Grundsicherung. Heißt: ALGII, vulgo Hartz IV. Das sollte sich potenzielle Stipendiums-Dokrorand_innen bitte vergegenwärtigen, bevor es losgeht. Krankenkasse? Zahlt ihr selbst und ganz allein? Rentenbeiträge? Freiwillig bestenfalls, ganz alleine. Wenn eine Perspektive zur Anstellung besteht, wird die Stipendiatszeit natürlich nicht bei der Berechnung der Stufen anerkannt.

Nicht ganz so schlimm sieht es für Hilfskräfte aus – aber auch hier: Die Zeiten werden in der Regel nicht für spätere Bezügestufen anerkannt (es sei denn, ihr könnt es belegen, aber da ist ja der Haken: Wenn aus der Stellenbeschreibung eindeutig hervorgeht, dass ihr selbständig wissenschaftlich gearbeitet habt, dann seid ihr ja gar keine Hilfskräfte gewesen. Deswegen ist die Stellenbeschreibung in aller Regel die einer Hilfskraft und das wiederum ist keine einschlägige Vorerfahrung, zählt also bei der Vergütung nicht, FALLS es überhaupt je zu einer Anstellung als Mitarbeiter_in kommt.

Bei den restlichen Szenarien kann man schon milde werden und sagen, dass das zumindest Ausformungen regulärer Beschäftigung sind – auch wenn die allermeisten in diesen Beschäftigungen so viel machen (müssen / dürfen), das ihr Profil vermeintlich schärft und ihre Chancen vermeintlich verbessert, dass oft der wirkliche Eigennutz – Projekterfolg, Abschluss einer Qualifikation, dokumentierte Zielerreichung – auf der Strecke bleibt.

Der Weg führt dann oft in die faktische Abhängigkeit von einer Einrichtung, einer Szene, Clique oder bestimmten Personen, die zwar in aller Regel wohlwollende, akademisch anregende und in jeder Hinsicht nette, liebenswerte Zeitgenossen, Weg-, Lebens- und Leidensgefährten sind. Aber was ist, wenn sich Wege trennen, Finanzierungen wegfallen, ein Antrag scheitert? Was nützt die schönste Nische, wenn am Ende das Geld beim allerallereinzigen Konkurrenten in diesem speziellen Thema landet? Mentor / Mentorin versterben, emeritiert werden, die schützende und fördernde Hand an Einfluss verliert?

Das sind keine neuen Themen, beileibe nicht. Was nur zunehmend an Gewicht gewinnt, ist, dass grundfinanzierte Wissenschaft zur Ausnahme wird, Einrichtungen mit Lehrauftrag in aller Regel eine geringe Zahl grundfinanzierter „Theoria cum Praxi“-Stellen, vulgo Professuren, haben, und der ganze andere Gemischtwarenladen von Hochdeputatsstellen abgedeckt wird. Menschen auf Qualifikationsstellen „dürfen“ Lehrerfahrung sammeln und hören in der Regel, dass sie das nicht müssen und es vielleicht auch besser wäre, wenn sie nicht lehren würden. Aber nachgewiesene Lehre sei am Ende auch ein Vorteil im Lebenslauf… manch einer wird das Spiel kennen: Wägen Sie Für und Wider ab…

Wissenschaft ist etwas, was man mit Spaß und Idealismus macht, und die Leidenschaft für die Sache setzt dem Druckbehälter einen natürlichen Deckel auf: Wer drin ist, dabei ist, Anerkennung erfährt, hört selten aus eigenem Antrieb auf. Und obwohl der „Funnel“ nach oben massiv eng wird (und das ist wahrscheinlich noch untertrieben – die Zahl der echten Dauerstellen „meiner“ Wissenschaft dürfte vergleichen mit Absolventenzahlen, Doktoranden- und Postdoc-Zahlen ziemlich überschaubar sein). Und mal ehrlich – wer promoviert wirklich nur für den Titel? Und macht dann was damit? Anfang 30, Doktortitel, zwei Jahre Volo für einen Tausender auf die Kralle?

Das kommt nicht von ungefähr, dass sich in diesem „Funnel“ zuerst der Kinderwunsch verabschiedet, dann je Karrierestufe der Frauenanteil schwindet und irgendwann die Leidenschaft für die Wissenschaft.

Bemerkenswert – und irgendwer mag bitte mal den Link zur entsprechenden Studie in die Kommentare werfe, wenn sie/er ihn kennt und findet: Im Vergleich zu Wissenschaftlerstellen haben Hochschulen wie außeruniversitäre Institute sehr wohl Geld für Dauerstellen, und zwar in der Verwaltung. Eigentlich kurios: Immer mehr fest Angestellte verwalten die Belange der immer seltener fest Angestellten.

Und nun? 

Um die Umstände zu wissen, ist ja die eine Sache. Aber was damit anfangen? Ein paar Gedanken will ich in den Raum werfen:

  • Loyalität braucht Gegenleistung – Vermarktet das Angebot, das Ihr Arbeitgebern macht, besser
    Die meisten Menschen in der Wissenschaft können eine ganze Batterie von Dingen, für die man sonst Spezialisten teuer bezahlt. Warum verschenken? Warum außerhalb Eurer Aufgaben Dinge zusätzlich machen, die sonst teuer sind? Stellt zumindest Euch selbst öfter mal die Frage, warum, was dadurch eingespart wird? Kann ich etwas, für das Arbeitgeber außerhalb der Academia Geld bezahlen würden? Dann verfolgt diese Stränge so, dass sie Euch jederzeit zumindest die Sicherheit geben, woanders einen Job zu finden. Mehrarbeit muss sich auszahlen – oder dem Eigennutz dienen.
  • Wisse, wo Deine Zeit bleibt
    Ein Tracker wie das wunderfeine Tyme, Grindstone oder ähnliches darf auch bei Akademikern gerne laufen. Insbesondere, um Vor- und Nachbereitungszeiten zu erfassen und vieles mehr. Und wenn es nur dazu dient, zu dokumentieren, dass der Stundenlohn für Lehrauftrag X am Ende vielleicht real 1,50 Euro ist.
  • Zum Time Tracking gehört das Pendant der Arbeitsorganisation: Ein Kanban-Board wie etwa Trello. Für sich selbst zu dokumentieren, wo man steht, dass man keine Fortschritte nirgends macht, wenn man sich gleichzeitig zig Dinge „in Bearbeitung“ hat und vieles mehr, ist ganz wichtig. Was nützt es, von der Postdoc-Stelle im kommenden Jahr zu träumen, wenn man die Halde für die Diss noch nicht annähernd abgeräumt hat und das vielleicht nicht sehen, vielleicht nicht eingestehen kann. Es befreit von Abhängigkeiten, weil man klarer sieht, wann man wirklich wovon abhängig ist. Und auch hier: Jede Aufgabe ist dokumentiert, und man sieht sofort, wenn man zu viel macht, was vom eigentlichen Ziel wegführt.
  • Und schlussendlich: So schlimm, wie die Lage auf dem Job-Markt auch sein mag. Nicht jeder Strohhalm ist einer, den man greifen muss. Wenn die Wissenschaft keinen Job für Euch hat, dann ist der Weg zu Ende. Vielleicht vorübergehend, vielleicht für immer. Es ist besser, das zu realisieren und selbst steuern zu können, ehe das Debakel der Arbeitsvermittlung droht.

Some catches…

Ja, ich bin nicht mehr in der Wissenschaft tätig und kenne mich entsprechend nur noch mit dem Stand von Ende 2014 aus. Und es ist ganz normal, Argumente und Diskussion, die das Selbst berühren, abzuweisen, zu kontern und Gegenargumente, Beschwichtigungen etc. zu finden. Die Geisteswissenschaften drillen darauf, Dinge zu hinterfragen, den Fehler zu finden, die eigene Meinung und Position argumentativ zu behaupten. Dass jemand meine Punkte hier Unsinn findet, „Ja, aber…“ denkt und sich herausgefordert fühlt, ist einkalkuliert. Sucht beim Lesen nicht den Fehler im Detail, sondern gesteht mir sinnvollerweise die Punkte zu, die ich treffe, auch wenn ich hier und da nicht mehr 100% präzise weiß, wovon ich rede. Ich glaube, es gibt eine sachliche Grundlage für meine Gedanken im Leben der meisten Leserinnen und Leser.

 

Try, Catch, Finally. Logik (und Ethik?) von Fehlern

Ich bin heute morgen über zwei Dinge fast gleichzeitig „gestolpert“. Reuters meldete, dass in den USA nicht mehr generell gesetzlich ausgeschlossen werde, dass Autos von Maschinen gesteuert werden. Und fast gleichzeitig verdichteten sich die Meldungen, dass das schwere Zugunglück in Bad Aibling möglicherweise durch menschliches Versagen verursacht worden sein könnte. Konkret geht es hier darum, dass ein Mensch entschieden haben könnte, ein technisches Sicherungssystem außer Kraft zu setzen. Über den Tag mehrten sich die Indizien, dass keine technische Störung vorlag (und folglich steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die korrekte Entscheidung einer technischen Sicherungslogik durch einen Menschen „überstimmt“ wurde. Das passt – angesichts der vielen Toten und Verletzten in Bad Aibling muss man das sehr bedauern – zum Umgang mit menschlicher und technisch-logischer Entscheidung. „Try, Catch, Finally. Logik (und Ethik?) von Fehlern“ weiterlesen

„Chancen“, „Risiken“, „Grenzen“ reloaded

Ich gebe zu, ich bin jetzt mal ein bisschen Querulant. Aber irgendwer muss es ja machen. Es geht mal wieder richtig rund in Sachen Digitaler Transformation und den Geisteswissenschaften – Open Access wurde in der FAZ mal wieder als Totengräber der Wissenschaft gepriesen und Charlotte Schubert hatte charmant und bohrend eine Replik geschrieben (lesenswert: Warum die Hetze gegen Open Access?). Und dann findet heute und morgen eine Tagung von CLARIN-D in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt, die mir (wieder einmal) meine Zweifel zu bestätigen scheint, ob die „Digital Humanities“ überhaupt gewillt sind, sich selbstbewusst zu verkaufen. „„Chancen“, „Risiken“, „Grenzen“ reloaded“ weiterlesen

View – die „Präsentationsschicht“

Der dritte und letzte Teil zum Thema „Wie stellen wir den ganzen Datenwust denn nun eigentlich dar?“ ist der „View“ – auf Deutsch auch „Präsentationsschicht“ genannt. Man könnte auch „User Interface“ sagen, aber da vermischen sich ganz schnell Elemente der reinen Darstellung mit Elementen der Geschäftslogik. Insofern nehmen wir es mal ganz wortwörtlich und definieren: Unser „View“ – das ist das Gerüst der Webseite, in die unsere Daten quasi „hineinprojeziert“ werden. Und das will ich heute einmal zerpflücken.

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„Veredlung und Vermarktung“

Vor wenigen Tagen hat Karoline Döring etwas an mir vorbeigezwitschert, das mich an einen alten Witz erinnert hat, den ich gerne gemacht habe, als ich noch als studentische Hilfskraft die „Manuskriptvorbereitung“ für Sammelbände gemacht habe. Der Witz ging so:

„Das einzige Lektorat, dass dieser Band verlagsseitig gesehen hat, ist das in der Emailadresse lektorat1@druckkostenzuschussverlag.de, an den das PDF geschickt werden musste“.

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Es wächst und gedeiht: Einstieg in Model-View-Controller

Für das Winzen-Projekt, das ich mit den Forschungsdaten von Christian Günther als eine Art öffentliches Tutorial für interessierte „Digital Humanities“-Anhänger baue, hatte ich ja CodeIgniter als Framework ausgewählt. Ursprünglich wollte ich ja gerne alles transparent von Grund auf programmieren, aber das wäre echt etwas zu heftig geworden, um es einigermaßen zeitnah neben der Arbeit zu machen. Inzwischen ist das erste Teilziel für das Winzen-Projekt erreicht und unter winzen.danielstange.de mit den elementarsten Funktionen auch nutzbar. „Es wächst und gedeiht: Einstieg in Model-View-Controller“ weiterlesen