„Chancen“, „Risiken“, „Grenzen“ reloaded

Ich gebe zu, ich bin jetzt mal ein bisschen Querulant. Aber irgendwer muss es ja machen. Es geht mal wieder richtig rund in Sachen Digitaler Transformation und den Geisteswissenschaften – Open Access wurde in der FAZ mal wieder als Totengräber der Wissenschaft gepriesen und Charlotte Schubert hatte charmant und bohrend eine Replik geschrieben (lesenswert: Warum die Hetze gegen Open Access?). Und dann findet heute und morgen eine Tagung von CLARIN-D in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt, die mir (wieder einmal) meine Zweifel zu bestätigen scheint, ob die „Digital Humanities“ überhaupt gewillt sind, sich selbstbewusst zu verkaufen.Ich will gewiss niemanden persönlich angreifen, aber wie viel Zuversicht, wie viel Vertrauen in die eigene Sache drückt denn ein Titel wie „Konferenz: Digitale Geschichtswissenschaft – neue Tools für neue Fragen?“ aus. Mit Fragezeichen. Der Titel einer programmatischen Tagung von (aus der Selbstbeschreibung) „CLARIN-D ist eine auf Dauer angelegte digitale Forschungsinfrastruktur für Sprachressourcen in den Geistes- und Sozialwissenschaften.“ Die Tagung hat keinen Livestream, keine Social Media Begleitung. Auf der Homepage gibt es das Programm „zum selbst ausdrucken“.

Fragezeichen auch auf dem mobilen Device

Die Tagungsankündigung habe ich übrigens zuerst auf dem iPhone geöffnet und eine mittelprächtige Responsiveness-Katastrophe erlebt. Man beachte neben dem Spillover (kann passieren, aber Testen würde helfen…) die Diskrepanz zwischen dem, was Apple als zumutbare Schriftgröße ansieht und wie das die BBAW sieht. Viel zu viel wird über PDF-Downloads kommuniziert (liest eigentlich jemand die Verpflichtung des Bundes als Zuwendungsgeber, dass Medien barrierefrei ausgelegt sein müssen?)

Ich gebe gerne zu, dass das jetzt alles pingeliges Genörgel ist. Aber einen Punkt habe ich in den Satzzeichen im Konferenztitel und insbesondere im mutlosen Titel der Podiumsdiskussion: „Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften“. Nicht nur, dass exakt das seit belegbar mindestens vier Jahren teils mit identischen Teilnehmern diskutiert wurde. Vielmehr: Warum?

Man realisiere bitte: Da sind Wissenschaftler_innen aus allen möglichen Disziplinen zusammengekommen und stellen richtig gute Projekte vor – Werkzeuge, Techniken, Methoden, Fragestellungen, wie sie nur absolute Nerds entwickeln und über Jahre verfolgen. Das sind Menschen, die teilweise schon an ihren Projekten gearbeitet haben, als es den Begriff „Digital Humanities“ in der breiten Wahrnehmung noch nicht gab. Menschen wie Michael Piotrowski (@true_mxp), der mit Cerstin Mahlow vor sieben Jahren an etwas forschte und publizierte, das heute in der Textverarbeitung auftaucht. Man fahre sich das mal rein: Ideen aus der geisteswissenschaftlichen Forschung finden nach Jahren mal den Weg kommerzielle Anwendungssoftware!

Womit verdienen diese Leute, dass die Institutionen und deren „Köpfe“ sich so halbherzig hinter die Sache stellen? Ich erwarte nicht, dass Historiker im fortgeschrittenen Berufsleben sich noch einmal neu orientieren. Ja, übrigens bewusst die maskuline Form, denn die Herren trifft es besonders. Historikerinnen wie Simone Lässig, Charlotte Schubert, Gudrun Gersmann und viele andere scheinen da anders gestrickt zu sein. Ganz zu schweigen von Mareike König – in der Software-Entwicklung würde man deren öffentliche Präsenz  als „Senior Evangelist“ lobpreisen.

Aber mal ganz ehrlich: Man kann doch nicht einerseits bereitwillig die Fördertöpfe für die Digitalisierung melken, und dann allen Ernstes hergehen und fast zaudernd fragen, ob man überhaupt etwas Valides beitragen kann. Ob es Grenzen gibt. Welche Risiken es gibt. Welche Chancen es gibt. Wie wertvoll diese Forschung ist. Ob die Ressourcen überhaupt reichen, um etwas Sinnvolles zu machen.

Die Fragen nehmen kein Ende, die Diskussionen bleiben gerne bei Allgemeinplätzen oder lassen zumindest Festlegungen, Ehrgeiz, Visionen vermissen. Ich konnte mir von der Konferenz von Clarin-D an der BBAW kein Bild machen. Kein Stream, kaum Aktivität auf Twitter. Ich kann daher nicht urteilen, wie die Podiumsdiskussion dort aussah.

Aber auf zwei Punkte will ich mich doch einschießen:

  1. Die Bude sitzt bei solchen Tagungen voll mit Menschen, die mit teils langer Erfahrung die „Chancen“ und „Möglichkeiten“ der technologiegestützten Forschung leben und vorführen können. Diese Leute sind da, sie sind nicht von Risiken aufgefressen worden oder in der Karriere gescheitert, weil sie „digital“ machen. Wer keine Risiken eingeht, gewinnt nichts, wer kein Neuland betritt, kann keine originäre Forschung abliefern, und originäre Forschung ist in Deutschland die Grundlage für die Karriere als Wissenschaftler. Diejenigen, die vor 40 Jahren auf die neue Sozialgeschichte als wissenschaftliches Ross gesetzt haben, sind ein wesentlich höheres (Reputations-) Risiko eingegangen und haben ihre Sache vielleicht gerade deswegen wesentlich streitbarer und mutiger vertreten. Vielleicht ist das Risiko digitaler Methoden inzwischen sogar zu klein, um kämpferischer, streitbarer zu sein?
  2. Wenn ich als Direktor, Direktorin, Projektleiter, Projektleiterin, Antragsteller und Antragstellerin bei Förderinstanzen auf so einem Podium sitze, dann habe ich eine Verantwortung, „Lotse“, „Kapitänin“ für die Menschen zu sein, für die ich im Projekt Verantwortung übernehme. Ich kann nicht gestern das Steuergeld von Förderern nehmen, heute einen Vertrag mit Doktorandinnen in einem Digitalprojekt schließen und morgen öffentlich besorgt sein, dass das mit dem Digitalzeugs vielleicht doch nur so eine halbgute Idee war. Das geht nicht zusammen und da bin ich nach vier Jahren Veranstaltungen mit „Grenzen“, „Risiken“, „?“ im Titel gnadenlos in meinem Urteil.

Vielleicht könnte man mal einen Pakt machen: Ich würde solche Chancen und Risiken gerne künftig nur noch an Projekten diskutiert sehen. Ich will Menschen sehen, die nicht vorher mit Bedenken kommen, sondern nachher erklären: Dieses und jenes hat geklappt und diesen und jenen Mehrwert gebracht. Dieses und jenes hat nicht geklappt, das sind die Gründe, das sind die „Learnings“, hiervon müssen wir uns verabschieden, hiermit sollten wir weiterarbeiten. Dann kommt man vielleicht auf gesunde Entwicklungszyklen, und ich erinnere gerne daran: Das Scheitern gehört erkenntnistheoretisch dazu. Die Falsifizierung und Falsifizierbarkeit ist das oberste Prinzip von Wissenschaft. In der Forschung gibt es keine Risiken („ich habe mich geirrt und mich selbst widerlegt“ ist kein Risiko), in der Forschung gibt es Chancen und Herausforderungen. Man könnte sagen „Risiko in Bezug auf Karrierepfade“ – aber ohne originelle und originäre Forschungsidee ist das sowieso alles Makulatur. Andererseits: Die Frage, nochmal etwas Originelles und Originäres anzufangen, stellt sich für die üblichen Podiumsdiskutanten ja nicht. Insofern sollte ich mich vielleicht auch einfach weniger über die Diskussionsthemen wundern und lieber den Projektmachern zuhören.

 

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